Möglichkeiten Selbständigkeit

Chancen auf Selbständigkeit

Die Mannheimer Scheidungsstudie bietet zwei Möglichkeiten zur Operationalisierung der Selbständigkeit: einen neuen Wohnort und auch wenig Möglichkeiten zur Auswahl des Wohngebietes. Selbständigkeit unterstützt die Ankunft von Einwanderern Eine in Klagenfurt, Basel und Freiburg durchgeführte Untersuchung ergab, dass familiengeführte Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ihren Lebensunterhalt in sozial schwachen Wohngebieten vor allem durch ein Höchstmaß an Eigenorganisation gesichert haben. Dabei haben neben der Selbständigkeit oft auch ausgeprägte familienfreundliche, formlose Netze geholfen, die auch die Tochter als Problem betrachteten, wie Sozialwissenschaftler erfuhren.

Wie sich das Wohnen in Wohngebieten mit schlechterer Reputation auf die Lebenskonzepte von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte auswirken kann, wollten Erol Yildiz und sein Team, das heute am Innsbrucker Bildungswissenschaftlichen Zentrum arbeitet, im Zuge einer vom Österreichischen Wissenschaftsfonds nachweisen. Im Gegensatz zu familienlosen Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte hatten sie oft keine Auskunft über den Bekanntheitsgrad ihres neuen Wohnsitzes und auch nur wenige Möglichkeiten, das Wohngebiet auszusuchen.

Auf österreichischer Seite untersuchten die damals an der Uni Klagenfurt beschäftigten Mitarbeiter von Iildiz ihre Fragestellungen mittels Felduntersuchungen, Gruppeninterviews mit acht Gastfamilien und 16 Einzelinterviews in einer Hochhaus-Siedlung in Klagenfurt - der "Siedlung Fischl" - und dem Bahnhofsgelände in St. Ruprecht. Zum einen als Gastarbeiterin und zum anderen als Flüchtlingskind nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz, wie Iildiz in einem Interview mit der APA mitteilte.

Erst im Laufe der Zeit wurde manchen klar, dass sie hier in sozial schwachen Gebieten lebten - zum Beispiel, wenn die meisten Schulkinder mit migrantischem Hintergrund waren. Zuvor hatten die Angehörigen oft "kein schlechtes Image dieser Schulen". Eine Befragte, die zu Beginn der 90er Jahre als Flüchtling aus Bosnien nach Kärnten kam, berichtet, dass sie nach schlechten Schulerfahrungen noch von ihren Erziehungsberechtigten hörte, dass "man sich freuen muss, dass wir überhaupt hier sind", sagte Yildiz.

"â??Die zweite, dritte Generationsstufe geht ganz anders und viel zuversichtlicher damit umâ??, sagt der Sozialwissenschaftler, der die Skala mit schweizerischen und deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen durchgeführt hat. Für die Neuankömmlinge gab es in einigen der befragten Gebiete kaum Stellen. Viele Menschen begannen daher den Weg in die Selbständigkeit.

Eine weitere Studie ergab, dass informell organisierte Netze von Familienmitgliedern oder lokalen Nachbarschaftern oft der entscheidende Faktor für den Eintritt in eine Erwerbsarbeit waren. Ein Beispiel ist die Entstehungsgeschichte eines bosnischen Unternehmens, das sich in der Bauindustrie selbständig gemacht hat und als Unternehmer oder Förderer für seine Nachkommen und Bekannten tätig war. Als Vorbilder und Berater nahmen sie diese Rolle ein, die dann auch einen hohen Bildungsgrad erreichte.

Das Familiennetzwerk bleibe auch für viele Mitglieder der zweiten und dritten Generationen, die den Anstieg bewältigten, "sehr dominant", sagte Yildiz. Bei den Kindern der Gastarbeiter, von denen die meisten mit Grosseltern in ihren Heimatländern aufgewachsen sind, berichteten immer öfter über die Betroffenheit von Menschen - ein "Tabuthema", das sie in den Gruppenbefragungen nicht angesprochen haben.

In Basel gab es während der Studie zwischen 2012 und 2015 wesentlich mehr Beratungsangebote für MigrantInnen als in Klagenfurt und Freiburg. Kärnten trage inzwischen aber auch auf Länderebene mehr zur integrationspolitischen Entwicklung bei, so Yildiz.

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